Ablenkung statt Lösung – Die fünf Phasen der Entscheidungsfindung

Maria Anna Schwarzberg

Maria Anna Schwarzberg schrieb von Oktober 2015 bis Januar 2017 als Autorin und Redakteurin für ein digitales Stadtmagazin, für das sie emotionale Prosa, Reisen und Food auf die Monitore der Stadt pinnte. Dieser Artikel ist zuerst auf „Mit Vergnügen Hamburg“ erschienen.


„Soll ich’s wirklich machen oder lass ich’s lieber sein?“ – schon Fettes Brot hatten Probleme, wichtige Entscheidungen zu treffen. Während ich also grübelnd auf dem Sofa sitze, ist zumindest eins klar: Ich bin nicht allein. Beruhigend, nicht die einzige mit Herzrasen, Atemnot und Kopfschmerzen vom Nachdenken zu sein. Es sind auch gar keine Kopfschmerzen mehr, es fühlt sich eher an, als würde mein Gehirn bei dem Versuch, eine Lösung zu finden, ausbrennen. Mit Hitze im Kopf werden meine Hände kalt und schweißnass, mein Körper kribbelt und ich stehe auf. Besser laufen, als stehen bleiben, besser bewegen, als ruhen, besser über eine Entscheidung nachdenken, als eine zu treffen.

Phase 1: Ablenkung

Ich greife zum Handy und scrolle durch meinen Facebook-Feed. Menschen zeigen Fotos von sich auf Reisen, vom Sommer, haben einen neuen Job, einen neuen Freund oder sind einfach nur scheiße glücklich, weil sie die beste Party ihres Lebens hatten. Schön, dass es bei euch so rund läuft, ehrlich. Auf dem Schalplattenspieler lege ich meine Lieblingsplatte auf, gieße mir einen Wein ein. Bei dem nächsten Pärchenbild, das die zwanzigjährige Beziehung feiert, muss ich fast brechen und wechsle lieber in den iMessage-Chat mit der Girl-Gang.

Phase 2: Freunde

„Seid ihr noch wach?“, frage ich in die ganzen Sprechblasen hinein. „Ja, ich kann auch nicht schlafen. Was ist los?“, fragt sie wenige Sekunden später zurück. Ich bin erleichtert, nicht mehr allein über das Problem nachdenken zu müssen. Da ist jemand, dem ich alles schreiben kann, der zuhört, versteht. Einer mehr, der wissen könnte, in welche Richtung ich diesen Würfel noch nicht gedreht habe. Ich stelle mir mein Problem gern als Würfel vor. Dann wirkt es irgendwie greifbarer, nicht so allumfassend und unausweichlich einnehmend. Diese Box drehe ich dann hin und her, betrachte sie von allen Seiten, spiele mögliche Lösungen durch und packe sie, wenn ich nicht mehr weiter weiß – oder weiter will, einfach zur Seite. Damit ich später wieder darüber stolpern kann.

„Ich weiß es nicht, aber ich habe Bauchweh und Herzrasen. Ich stehe irgendwie still. Ich weiß aber auch nicht weiter. Ich will nicht bleiben und kann auch nicht gehen. Was ist, wenn ich noch nicht alles gegeben habe? Wenn da noch so viel ist? Wenn ich zu früh aufgebe? Und was ist, wenn ich gehe? Was kommt dann nach diesem großen Loch? Wenn ich merke, dass doch alles gut war? Was, wenn ich einen Fehler mache?“, schreibe ich mit flink über das helle Display rasenden Fingern und lege das Handy zu Seite. Ich gieße noch mehr Wein nach, lege mich wieder in die Kuhle, die sich von all dem Liegen und Warten gebildet hat.

Phase 3: Leugnung

Das Handy vibriert und ich vertippe mich mit schwitzigen Händen gleich zwei Mal beim Entsperren. „Aber all das kannst du doch nur rausfinden, wenn du dich endlich mal entscheidest. Du hast einfach nur Angst und Angst ist kein Grund, um stehen zu bleiben. Ja, es kann besser werden. Ja, es kann beschissener werden. Aber das wirst du nur herausfinden, wenn du den Weg gehst.“, schreibt sie zurück. Ich lege das Handy weg und nehme es doch wieder in die Hand. Mein Mund wird trocken, in meinen Ohren rauscht es. Mir schießt das Blut in den Kopf und Tränen in die Augen. Ich beginne zu tippen und lösche alles wieder. Nochmal von vorn: „Ich habe keine Angst. Weißt du, hier geht es um so viel mehr als immer nur um Ängste. Du kannst nicht immer von dir auf alle anderen schließen.“

Phase 4: Erkenntnis

Ich gieße mir Wein nach, drehe die Platte. Drehe meinen Würfel von links nach rechts, von oben nach unten und noch einmal im Kreis. Doch wie ich ihn auch drehe und wende, vor mir herschiebe und gegen Wände werfe, er liegt mir immer wieder zu Füßen. Was würde ich tun, wenn …? Wenn,  egal welche Entscheidung ich treffe, keine negativen Konsequenzen entstehen? Ich würde gehen. Wenn ich jederzeit den Zurückspulen-Button drücken könnte? Ich würde gehen. Und wenn das der letzte Tag meines Lebens wäre? Ich würde gehen. Wenn sie vor dem Würfel stehen würde, was würde ich ihr raten? Zu gehen. Ich sage es einmal laut in den leeren Raum: „Ich gehe.“

Phase 5: Lösung

Ich muss lächeln. „Okay, also ich gehe wirklich.“ Keine Widerrede, nur Stille. Ich nehme das Handy und schreibe es auf: „Ich gehe.“, lege es wieder zur Seite. Tief einatmend stehe ich mit Kopfschmerzen am Fenster und atme nicht, ich inhaliere die Luft in meine Lungen, in mein Gehirn. Mein Herz pumpt pure Euphorie durch meine Blutbahn. „Sagst du das gerade nur, um es laut ausgesprochen zu haben oder weil du wirklich gehst?“, fragt sie. „Ich erzählte es schon dem Wohnzimmer. Jetzt wollte ich wissen, wie es sich anfühlt, das real zu machen.“, antworte ich und setze nach: „Entschuldige, ich hätte nicht so patzig reagieren sollen.“ „Das ist schon okay. Wenn man Ängste weckt, sind sie meistens übel drauf.“

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