Ey du, Digitaler Nomade, „Bubble“ kommt von Seifenblase!

Digitaler Nomade Surfen Kritik

Alles hat seinen Preis. Der des Digitalen Nomaden-Lebens vor allem den, dass die Welt, die unser Zuhause ist, nur durch halb geschlossene Augen glänzt.


Weil die Welt unser Zuhause ist

Die Zeit, in der wir leben, der Frieden, der uns umgibt, die Möglichkeiten, die sich uns bieten, die Technologie, die Reisefreiheit, das Auffangnetz, das uns umgibt, ich liebe es. Ich liebe alles daran, vor allem, dass ich mich eigentlich nie entscheiden muss, weil sich alles dem Gesetz der positiven Anziehung fügt. Und wenn ich nur genug gebe, hart arbeite und den Fokus nicht verliere, authentisch bleibe, mutig voran gehe und nicht zurück blicke – weil es zurück gar nicht gibt, nur vorwärts, wenn ich nur dran bleibe, einer der Vorreiter bin, mein Alleinstellungsmerkmal finde und die Follower, die genau das feiern, auch die Kritiker zu schätzen weiß, ganz viel netzwerke, weil Netzwerke nach der Reichweite die neuen Dollars in den Augen sind, wenn ich nicht aufgebe, auch wenn es mal schwer wird, wenn mal etwas scheitert – und eigentlich scheitert nie etwas, denn dann können wir immer noch etwas daraus lernen, dann bin ich richtig in der Bubble. Die Bubble, die die Welt bedeutet. Wie war das doch gleich? Von deinem Wohnzimmer, aus dem Coworking-Space in Berlin oder der Hängematte auf Bali? Alles ist unser Zuhause, Nichts wollen wir unser Eigen nennen, alles nur besitzen, benutzen. Achtung, das wird unser Leben verändern.

Und dann stirbt ein Baby. Und der Satz, dass wir aus allen schlechten Erfahrungen etwas mitnehmen können, bleibt mir selbst im Hals stecken, das mir schlecht davon wird. Und dann höre ich von diesem, jenem und auch diesem Freund, dass sie keine Zeit mehr finden, nicht für sich, nicht für andere, nicht für mich, nur noch für das Vorankommen, weil das doch zählt. Jetzt eben einmal alles geben, damit es dann, wann – ja wann eigentlich? – anders wird. Selbstbestimmter, freier, reicher, bekannter, stiller. Und so laufen wir im Kollektiv der Möhre an der Leine hinterher, denn vegan, okay zumindest vegetarisch, das muss schon sein. Und dann verlassen uns Freunde, weil sie kein Verständnis mehr aufbringen können für unsere Abwesenheit vor lauter Business und Reisen. Und natürlich, sie liegen nicht falsch. Richtig und falsch gibt es nicht, nur meine und deine Realität, die dann eben nicht mehr passt. Weil Zeit und unterschiedliche berufliche Wege über die Qualität einer Freundschaft entscheiden. Und dann zerbrechen Beziehungen an Distanz und zu wenig Nähe, an zu viel Forderungen und Bestreben. Warum der Andere denn das auch nicht unterstützen kann? Dass er nicht mitziehen kann? Voll ok, aber kämpfen? Musst du nicht. Was nicht passt, wird auch nicht passend gemacht, denn: Digital unabhängig und frei sind wir. Was will denn irgendjemand noch mehr?

Bis die Seifenblase platzt

Wir sind so individuell, so voranschreitend und mutig, so abenteuerlich, wir sind die Bubble, die wir härter feiern als alles zuvor. Weil wir finden, was wir suchen, hören, was wir wollen, erreichen, was uns zusteht und dabei auch noch nüchtern ganze Hallen zum Einreißen bringen. Da ist so viel Energie, dass uns manchmal die Worte fehlen. Bis jemand anfängt, ein wenig zu viel über Energien und Gefühle zu reden. Aber klar, wir sind voll offen, auch für Neuzugänge, für die nächste Generation, die wir dann aber nur noch gegen Bezahlung an uns heranlassen. Alles Business, Baby. Das haben wir uns ja schließlich aufgebaut, wir sind der Mehrwert, alles hat seinen Wert. Nur die Arbeit, die Zeit und das Interesse der Newbies nicht. Denn worüber keiner laut spricht, dass die faire Bezahlung in der Bubble nicht existiert. Reichweite, Dabeisein und Shout-Outs sind die Währung geworden, mit der wir unseren Vermietern erklären, dass wir nicht zahlen können. Naja, ist ja aber auch jeder selbst Schuld, der noch einen festen Wohnsitz hat. Vielleicht mal ein wenig mehr Minimalismus walten lassen, ne?

Nein. Weil jede Bubble am Ende nur eine Seifenblase ist und an kleinsten Partikeln zerbrechen kann. An Misserfolg, an der fehlenden Einladung, am Blick hinter die Fassade, der gescheiterten Beziehung, dem Aufdecken einer Fake-Beziehung, an Affären, am so Alleinsein außerhalb der Bubble, an der Zerrissenheit zwischen einem alten und neuen Leben, an so viel Zurücklassen, das nichts mehr bleibt, am Anschuss verlieren und bei all dem Erfolg der anderen auf der Strecke bleiben. An einem Burnout oder der Leugnung der Probleme – man kann ja auch immer noch ins nächste Retreat flüchten. Was bleibt, ist Ernüchterung über arg viel Normalität. Das System einmal gecheckt, stehen neue Herausforderungen an, die, die von der ersten Riege Nomaden als die wahren Herausforderungen bezeichnet werden. Und so geht die Reise immer weiter, bis es dann und wann etwas still wird. Bis ein kritischer Vortrag kommt, Social Kanäle still gelegt werden und Rast- und Ruhelosigkeit gegen Auszeiten getauscht werden, bis geschwiegen wird über das, was alle früher oder später fühlen.

Weil wir keine Kinder sind, die dem Glitzer in der Luft nachlaufen

Alles hat seinen Preis. Und der für das Leben eines Digitalen Nomaden, ich spreche da auch aus eigener Erfahrung, ist hoch. Ein freies, orts- und zeitunabhängiges Leben kostet zunächst einmal dich selbst. Kein Digitaler Nomade ohne schreckliche Vergangenheit. Dann zwischenmenschliche Beziehungen, den Job sowieso und dann folgt da noch der ganze Wachtumsschmerz auf dem Weg nach oben. Vielleicht verliert man auch manchmal ein bisschen sein Gesicht, aber das ist nicht so schlimm, Social Media poliert das schon wieder blank. Was von der zerplatzen Seifenblase bleibt, ist der seifige Geschmack auf der Zunge, der uns daran erinnert, was es alles da draußen gibt. Und damit meine ich nicht das ganze Höher, Schneller und Weiter, was da draußen wartet, sondern dass wir ein ganzes Leben danach ausrichten, Digital Nomad zu sein und die Welt zu unserem Spielplatz zu machen und darüber hinaus nicht begreifen, dass das nur ein Teil ist. So wie Kind sein nur ein Teil unseres Lebens ist, Beziehungen einen Part und eine Berechtigung haben, Freundschaften, Beruf und/oder Berufung, Freizeit – dass all das seinen Platz und Raum verdient hat.

Ich bin Digitaler Nomade. Mit ganzem Herzen und voller Freude und Aufrichtigkeit, mit der gefundenen Berufung, Reisen, Minimalismus, einem gesunden Lifestyle und Handgepäck. Aber ich bin auch Tochter, die Zeit mit ihrer Familie sucht und genießt, mit erfüllenden Freundschaften weit weg von Bali, Podcast und UG, ich liebe außerhalb dieser Bubble, ich habe einen Wohnsitz in meiner Wahlheimat, ich nenne unzählige Bücher mein Eigen und ich feiere all das mindestens genauso hart und gern auch mal nüchtern wie meine geliebte Bubble. Und genau das ist die wichtigste Erkenntnis von allen gewesen auf meiner Reise zu mir, zum Digital Nomad, zum Blah-Blah-Preneur und jemandem mit Reichweitenpotenzial: Digitaler Nomade zu sein ist nur ein Teil meines Lebens. Und alle anderen Bereiche stehen nicht dahinter an, sie gehen im Zweifel sogar vor. Weil wir einmal leben, für uns und schöne Zeit mit (innerlich) schönen Menschen. Weil Liebe vor Business, Freundschaft vor Instagram und Familie vor Netzwerken kommt.

Weil ehrliche Reflexion vor verranntem Fokus und der offene Blick auf das Ganze vor dem über den beschränkten Tellerrand kommen sollte. Weil wir keine Kinder mehr sind, die Seifenblasen wie Illusionen hinterher laufen, sonder bei all dem Glitzer in der Luft auch auf Dreck und Steine auf dem Boden achten sollten. Damit wir uns die Knie nicht zu sehr an zu viel Verlockung aufschürfen.

Namasté, Bitches!

17 Gedanken zu „Ey du, Digitaler Nomade, „Bubble“ kommt von Seifenblase!

  1. Christopher Breitfuß Antworten

    Wow, einer der besten Artikel, die ich seit langem gelesen hab – sowohl inhaltlich als auch vom Stil he: Unglaublich lustig, ein wenig zynisch, absolut ehrlich und in angenehmen Maße selbstironisch! You made my day!! Danke dir 🙂

  2. Alina Antworten

    Mega toller Post! Hab ihn mir gleich zweimal durchgelesen, weil ich ihn in der Uni nur überfliegen konnte. Ich liebe ehrliche Worte. Und der Text ist zudem sehr unterhaltend geschrieben.

    Liebe Grüße
    Alina

  3. Lisa Breakfast Antworten

    Wow. Maria. Ich verneige mich vor dir und deiner Schreibkunst!! Dieser Artikel ist phänomenal. Du piekst mit einer lyrischen Nadel in die Seifenblase, ohne sie zu zerstören. Vielmehr um sie zu warnen, dass sie im blinden Weiterflug schnell mal einem dornigen Rosenstrauch hängen bleiben kann – und platzen, im schlimmsten Fall. Ich wabere gerade selbst rum in dieser Seifenblase, genieße den Flug und weiß um die manchmal aufkommende Angst vor der Ungewissheit, wie lange er wohl noch dauern wird. Und ja, auch ich bin angehende digitale Nomadin mit – wie du schreibst – schrecklicher Vergangenheit, die mich gelehrt hat, dass das Leben nicht planbar ist, so sehr wir es auch glauben wollen. Wie wertvoll, wenn man sich damit irgendwann abfinden kann und ein Vertrauen entwickelt, dass alles seinen Weg gehen wird. Ob nun knapp am Dornbusch vorbei oder mitten rein – wir werden mit allem irgendwie umgehen lernen. Wie schön, wenn wir auch dann noch Menschen um uns haben, dessen Freundschaften und Beziehungen wir auch in all der glitzernden Seifenblasenzeit gepflegt und wertgeschätzt haben. Und das wiederum ist eine Sache, die wir aktiv kontrollieren können. Und sollten.
    Ich danke dir für diesen Artikel. Brilliant. Echt. <3

    • Maria Anna Autor des BeitragesAntworten

      Du bist heute auf jeden Fall mein bester Support <3 Ich danke dir!

  4. Marilena Antworten

    Wundervolle Worte liebe Maria. Dein Schreibstil ist wirklich besonders und geht direkt ins Herz. Danke fürs Teilen deiner Gedanken 🙂

    Liebe Grüße. Marilena

  5. Samira Antworten

    Was für ein ehrlicher, toll geschriebener Artikel liebe Maria!
    Viel zu oft lese ich in diesen „Es ist halt doch nicht alles Zucker als Digitaler Nomade“ Beiträgen nur, dass das zwar alles schwer, aber halt doch „besser“ als das Leben der Sesshaften ist. Im großen und ganzen.
    Und das mag sein (ich werde es ab September selbst sehen) – aber auch ich finde, dass eine gewisse Gelassenheit in Punkto alles Aufgeben durchaus gut zu einem unabhängigen Lebensstil passt. Man behält sich so ein großes Stück vom Ich, das ja nicht nur aus flüchtigen Bekanntschaften, Co-Working und Beaches besteht.
    Und genau diesen wichtigen Teil meines Lebens, den brauche ich, genau wie du ihn zu brauchen scheinst.
    Alles Liebe,
    Samira

    • Maria Anna Autor des BeitragesAntworten

      Wir sollten uns generell und immer kritisch mit allem auseinandersetzen, finde ich. Und weil ich das auch mal nicht tat, kann ich diesen Artikel so schreiben. Weil ich andere davor bewahren möchte, nur die eine Seite der Medaille zu sehen. Ganz gleich welche Medaille es ist.

  6. Jacob Antworten

    Herrlich geschrieben! 😀 Ich glaube daran, dass wir überwiegend aus eigenen Erfahrungen & Einflüssen lernen und unsere Wege deshalb so gehen, wie wir es tun. Danke trotzdem für den Hinweis und Deinen Glauben daran, Andere bewahren zu können.

  7. Marlene // daseinealles.de Antworten

    Ich habe mir dich beim Lesen auf einer Bühne vorgestellt mit deinem Text als eine Art Poetry Slam. Ich hing an jedem deiner Worte!
    Ich finde es sehr erfrischend, dass du diesen Lebensstil hier so öffentlich reflektiert, weil man an der Oberfläche nicht sehr häufig sieht, dass das Leben eben nicht nur aus „hustlen“, reisen und networken besteht.
    Danke für diese ehrlichen Zeilen. Habe ich sehr gern gelesen. 🙂

    Liebe Grüße
    Marlene

    • Maria Anna Autor des BeitragesAntworten

      Liebe Marlene,

      ich danke dir für deine Worte und freue mich, dass du so viel davon mitnehmen kannst.

      Liebe Grüße!

  8. Janina Antworten

    Wow, da bin ich gestern mit wirren Gedanken ins Bett gegangen, schon seit langem inspiriert von so vielem instagram input, sodass ich mich in diesem Leben immer mehr unwohl fühle und überlege ob ich nicht doch einfach alle Zelte abbrechen soll. Und dann lese ich deinen Artikel. Wow!
    Es wird wieder klarer, ich muss meinen Weg finden und der muss nicht so oder so sein, der kann auch mitten durch sein. Danke!

    • Maria Anna Autor des BeitragesAntworten

      Ich danke dir für das liebe Kompliment! Geh deinen ganz eigenen Weg, dann kannst du gar nichts falsch machen. Fehler natürlich trotzdem, aber die gehören dazu.

  9. Andreas Antworten

    Schön geschrieben und viel wahres dran. Ich habe eine Weile das digital nomad leben gelebt und einfach so unendlich viel vermisst, dass ich es jetzt so sehr schätze wieder in Köln zu sein, meine Freunde um mich zu haben und mir nicht jeder den gleichen mist aus der bubble erzählt. Es ist vieles gutes dran an den Einstellungen die digitale nomaden haben, aber letzlich ist es auch wieder die gleiche Gesellschaftliche Einengung, die man bei allen anderen kritisiert. Immer wie gegen die anderen, die dummen, auch wenn sie unsere Toilette reparieren oder die Straßen bauen, die wir benutzen.

    • Maria Anna Autor des BeitragesAntworten

      Ich finde, wir sollten einfach immer die Dinge hinterfragen und am Ende unseren eigenen Weg gehen – mit dem was uns gut tut 🙂

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