Eine Frage der Menschlichkeit

Refugees Welcome

Maria Anna Schwarzberg schrieb von Oktober 2015 bis Januar 2017 als Autorin und Redakteurin für ein digitales Stadtmagazin, für das sie emotionale Prosa, Reisen und Food auf die Monitore der Stadt pinnte. Dieser Artikel ist zuerst auf „Mit Vergnügen Hamburg“ erschienen.


„Merkel gegen Schließung mazedonisch-griechischer Grenze“

„Hängt die alte endlich auf ….!!!!!!! die hat doch Riesen Dachschaden“

Posting auf Facebook

„Belastungsgrenze überschritten: Jeder kann sich vor einem Burn-out schützen“

„Es ist wirklich schade, dass nicht mehr Prävention betrieben wird und Arbeitgeber all zu oft ihrer Fürsorge gegenüber ihren Mitarbeitern nicht nachkommen.“

„Ja genau, Hauptsache wir kümmern uns erstmal um die Flüchtlinge
statt uns um unsere Leute zu kümmern!“

Posting auf Facebook

„Hallo, vielleicht kann mir jemand von euch helfen. Ich bin in der Nähe von Düsseldorf und mein großer Wanderrucksack mit allen Sachen ist mir geklaut worden“

„warn bestimmt die flüchtlinge“

„Ist das gerade dein Ernst? Jemandes Rucksack wurde geklaut und du denkst als erstes daran, die Flüchtlinge zu beschuldigen?“

„man wird ja wohl hier noch seine meinung sagen dürfen!
ich sag ja nich das die das warn ich vermute nur.“

Posting in einer Facebook-Reisegruppe

#impfstoffgegenrassismus #barbara #barbaraklebt #dasklebenistschön

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Das wird man doch wohl noch sagen dürfen

Als Online-Redakteurin arbeite ich viel im Internet, recherchiere, schreibe, stelle Beiträge online und beobachte, wie Nutzer unsere Texte annehmen. User-Kommentare moderieren und nach Inhalten suchen – das ist mein Tagesgeschäft. Ein Geschäft, in dem mir täglich genau solche „Meinungen“ entgegenschlagen, in dem ich regelmäßig darüber erschüttert bin, wie Menschen, mehr oder weniger anonym, ihre geballte Ladung Hass und Hetze völlig unüberlegt ins Internet werfen.

Menschen voller Sozialneid, die sich nie ein differenziertes Bild von der Lage gemacht haben, kommentieren und urteilen über andere Menschen, die sie niemals getroffen, geschweige denn deren Schicksal sie jemals geteilt haben. Aber hey, sie sind das Volk, das werden sie doch wohl sagen dürfen? Es ist schließlich nur ihre Meinung und wir Redakteure gehören sowieso zur Lügenpresse. Wir können nicht auf jeden einzelnen Kommentar antworten, können nicht jedem einzelnen Wutbürger Fakten vorlegen und Empathie lehren, vieles bleibt – auch weil eine Diskussion oft genau das Gegenteil bewirken würde – umkommentiert stehen.

Was ich aber eigentlich sagen möchte:

„Du versteckst dich hinter dem Wort ‚Meinungsfreiheit‘, bestehst auf ein Grundrecht, just in dem Moment, in dem du mit deiner Hetze, die du mal mehr oder weniger gut als Meinung tarnst, anderer Menschen Grundrechte niederreißt. Denn: Deine Meinungsfreiheit hört dort auf, wo du die Rechte anderer Menschen verletzt – und ist im übrigen nicht mit Dummheit zu verwechseln. Du bestehst auf von dir unbekannten Menschen gesetzte Grenzen, hebst dich, da du zufällig innerhalb dieser Grenzen geboren worden bist, über andere Menschen – Menschen aus Fleisch und Blut, mit Hoffnungen und Ängsten, Menschen, die einfach nur in Frieden leben und lieben wollen – genau wie du. Du willst Personengruppen ausgrenzen, weil sie nicht aus deinem Land und deiner Kultur kommen, das ist keine Meinung und kein Freiheit, das ist Rassismus.

Du musst dir keine Zukunft vorstellen, in der in diesem Land Krieg herrscht und du auf Hilfe anderer Nationen angewiesen bist, du musst nur knapp 30 Jahre zurückblicken, als ein ganzes Land in der Bundesrepublik Deutschland aufgegangen ist. 16 Millionen Menschen sind von einem Tag auf den anderen als DDR-Flüchtlinge in dieses Land gekommen – vielleicht auch du? Sind aufgenommen und unterstützt worden, haben 172 Milliarden Euro Schulden mitgebracht, die von der BRD mitgetragen worden sind und haben so eine von Menschen erdachte Grenze niedergerissen. Grenzen und hohe Zäune sind keine neue Erfindung und haben in der Vergangenheit eher weniger gute Folgen mit sich gebracht. Sag doch deinem Chef, deinem Freund, deinen Verwandten, dass sie wieder in ‚ihr‘ Land zurückgehen sollen? Nein? Ach stimmt, diese Menschen kennst du ja. Die, die du aber noch nicht kennst, willst du völlig unempathisch zurückweisen, weil du Angst vor ihnen hast.

#isso #dasklebenistschön #barbara #barbaraklebt #heidelberg

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Anstatt dich mit deiner Angst auseinander zu setzen, nutzt du polemische und irrsinnige Vorwände, um die Schuld bei ‚den Anderen‘ zu suchen.

‚Die abendländische Kultur wird zerstört!‘ Redest du von dieser abendländischen Kultur, in der die meisten Menschen nicht einmal mehr Rechtschreibung und Grammatik ihrer eigenen Sprache beherrschen, in der gegen den Islam gehetzt, aber die eigenen Kirchen nicht besucht werden, in der die Hälfte der Bevölkerung die Nationalhymne nicht singen kann, in der internationale Ketten in den Fußgängerzonen einziehen und die Sprache anglisiert wird? Nur du kannst diese Kultur weitertragen und kein Flüchtling wird dich daran hindern, sondern er wird sie erweitern.

‚Die dürfen kostenlos Bahn fahren und ich muss für das alles zahlen, kann ja wohl nicht sein!‘ Entstehen für dich dadurch Mehrkosten, hat jemand behauptet, dass du einem Flüchtling jetzt eine Fahrkarte kaufen musst? Nein. Für dich entsteht kein Nachteil, alles bleibt wie gewohnt. Aber dir wird eben auch kein Vorteil zuteil – und weil du niemandem außer dir selbst etwas gönnst, musst du dich erst einmal darüber beschweren. Du lebst in einem sozialen Rechtsstaat mit Arbeitslosen-, Kranken-, Renten-, Pflege- und Unfallversicherung, in dem dir ein Existenzminimum und die Menschenwürde garantiert werden, du keinen Hunger leiden und keinen Krieg fürchten musst, immer ein Dach über dem Kopf finden kannst und Bildung genießt. Aber du regst dich darüber auf, dass Menschen, die alles zurücklassen mussten und zum Teil Freunde und Familie verloren haben, kostenlos Bahnfahren dürfen? Dein Sozialneid widert mich an.

‚Ja und dann vergewaltigen die auch noch unsere Frauen. Letztens haben die Kinder bei lebendigem Leib gegessen!‘Aha, nach der Schuldsuche bei den anderen und dem ekligen Neid kommt also die Pauschalisierung. Ja, es gibt unter den Flüchtlingen auch schwarze Schafe – es gibt immer und überall Idioten. Auch in Deutschland. Doch nur weil einige wenige sich falsch verhalten, solltest du nicht alle Menschen einer Bevölkerungsgruppe über einen Kamm scheren. Sonst wärst du auch Pädophiler und Mörder, weil einige Deutsche andere Menschen umbringen und sich an kleinen Kindern vergehen.

Weißt du, ich glaube das Problem bist einfach du.

Weißt du, ich glaube das Problem bist einfach du. Mit deiner Unwissenheit und deinem mangelnden Willen, die Geschehnisse zu hinterfragen, läufst du einfach ein paar Idioten hinterher, die hetzerische Parolen schwingen, mit denen sich all deine Probleme in Luft auflösen, ohne das du etwas dafür tun müsstest. Empathie ist dir ein Fremdwort, Toleranz erwartest du dir gegenüber, bringst sie aber kaum jemandem entgegen. Freiheit forderst du für dich, aber bitte nicht für die Anderen.

Die sollen schnell wieder gehen, weil, ja weil, ja warum eigentlich? Achso, weil die ja Schuld sind. An den Krankheiten, der Gewalt, an der Arbeitslosigkeit, an Europa und ganz bestimmt auch daran, dass du dein Leben nicht so lebst, wie du es eigentlich willst und jetzt einen Schuldigen brauchst. Also immer weg damit: Grenzen zu, Schiffe zurück aufs Mittelmeer und dann wird alles besser. Die sind dann nämlich weg und deine heile Welt wieder ok. Krieg? Kennst du nicht, willst du auch nicht kennen, will keiner. Sollen die doch alleine ausfechten, haben die sich ja auch eingebrockt, ist doch schließlich nicht in deinem Land!

Nein, ihr seid nicht das Volk.

Wir alle leben in einem der reichsten Länder der Welt, genießen Bildung und soziale Vorteile die der Wohlstand mit sich bringt. Nur ein Teil dieses wohlhabenden Volkes ist offensichtlich weder der Empathie noch des eigenen Verstandes mächtig. Es macht mich wirklich traurig und wütend, mitansehen zu müssen, wie diese Menschen hysterisch skandieren, sie seien das Volk und denken, sie könnten für uns alle sprechen. Nein, ihr seid nicht das Volk. Und wenn doch, dann will ich ganz schnell nichts mit diesem Volk zu tun haben.

Ich möchte in keinem Land leben, in dem von Menschen erdachte Grenzen andere ausschließen und im Elend zurücklassen, in dem Rassismus und Neid statt Mitgefühl und Verständnis herrschen, in dem kein Schritt aufeinander zu gegangen und in der Not keine helfende Hand gereicht wird und gegeneinander statt miteinander gelebt wird. Ich möchte in einem Land leben, in dem wir mit offenen Armen Trost und Schutz spenden, tolerant sind, mit Nahrung, Wärme, Geld und allem, was nötig ist, aushelfen, Integration fordern und fördern und zugezogenen Menschen als Chance statt als Bedrohung begreifen.

Wir helfen jetzt mit der Erst- und Folgeversorgung und können so uns fremde Kulturen und Menschen kennenlernen. Wir sollten weiterdenken als zur kostenlosen Bahnfahrt und stattdessen mitfühlend sein. Mitleid mit dem, was geflüchteten Menschen widerfahren ist, der Not, in der sie stecken und den Ängsten, die sie vor der Zukunft in diesem Land haben, das nicht ihre Heimat ist.

Das ist kein Appell an deine Vernunft, das ist ein Appell an deine Menschlichkeit. Und, das wird man ja wohl noch sagen dürfen, willst du in 50 Jahren wirklich zurückblicken und antworten müssen: „Ich war aus Unwissenheit und Angst ein scheiß Rassist?“

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