G(20)ewalt

G20 Ausschreitungen Polizeigewalt

In Hamburg ist politischer Ausnahmezustand neuer Größenordnung. Wir kennen den Hafengeburtstag, den 1. Mai und den Schlagermove, nicht aber die Ausrichtung eines politischen Zusammentreffens höchster Stelle. 


Rotor-Tinnitus 

Seit Tagen kreist ein Helikopter über meinem Viertel, so dass ich schon nicht mehr unterscheiden kann, ob wirklich einer fliegt oder ich einen Rotor-Tinnitus entwickelt habe. Polizei-, NoG20-Twitter und der Spiegel Online-Ticker aktualisieren sich von ganz allein und halten mich, wenn es nicht eh vor meiner Haustür passiert, auf dem Laufenden. Und wenn nicht die, dann die Freunde, die in der gleichen Stadt leben, ich aber gerade weniger sehe als die Verwandtschaft. Die Postzustellung ist eingestellt und die Bahnen fahren mal wieder nicht. Wichtige Verkehrsstraßen sind gesperrt, alle Stadträder auf den Straßen und manche morgen leider verbrannt.

Aber ich, ich habe diesen Brief, von dem ich gern möchte, dass er zeitnah seine Weg zu seinem Besitzer findet. Also steige ich auf das letzte verbliebene Verkehrsmittel um und fahre mich via Carsharing direkt ins Chaos. Nach 15,87 Euro und 500 Meter von meiner Wohnung entfernt, gebe ich auf und lasse das Auto am Straßenrand stehen. Fluchend ziehe ich mein Bahn-Ticket – macht das eigentlich jemand außer mir in diesen Tagen? – und wähle die Nummer meiner Mutter.

Ihre erste Frage ist natürlich, ob ich Zuhause bin, die ich verneine. Mit meinem Brief in der Hand stehe ich in Birkenstocks, Leinenshirt und Duschknolle ungeschminkt am Bahnhof und erkläre ihr, dass Sie bitte nicht so übertreiben soll, dass die Demos friedlich sind und nicht ganz Hamburg durchdreht. Am Schlump noch mit entspannt viel Platz meine Wut rausgelassen, wird die Luft am Hauptbahnhof in der Bahnsteig-Sardinenbüchse bedeutend enger. Mutti wird versichert, dass alles okay ist, dann fährt endlich die Bahn ein, die wegen eines Polizeieinsatzes verspätet ist.

Bitte hör mit diesem Drama auf, als ob mir hier permanent etwas passieren könnte.

Auf den Elbbrücken sehe ich in der Bahn von meinen Knien auf und erwarte den immer gleich schönen Blick über Hamburg zu sehen. Und sehe dicken, schwarzen Rauch über dem Hafen aufsteigen. Als ich meiner Mutter davon berichte, flippt sie natürlich aus und ich versichere mal wieder, dass nur wegen der Ausschreitungen ich nicht in Gefahr bin. „Ganz ehrlich Mama, es reicht. Bitte hör mit diesem Drama auf, als ob mir hier permanent etwas passieren könnte.“

Nach dreieinhalb Stunden öffentlichem Verkehrschaos, aber zugestelltem Brief, komme ich erleichtert und ziemlich zufrieden mit meinen Postzustellqualitäten wieder in der Schanze an und mache mich auf den Weg zu einer Freundin. Mit Pizza und Wein tauschen wir die neusten G20-News aus, mit Tee stoßen wir auf die Nacht an und ich mache mich auf den kurzen Weg nach Hause. Fünfzehn Minuten, dann kann ich in mein Bett fallen und beim Dröhnen der Helikopter einschlafen.

Als ich aus der Seitenstraße komme, sehe in wenige Meter entfernt eine Gruppe Polizisten stehen. In voller Ausrüstung unterhalten sie sich, zwischen ihnen kniet ein Mann mit Handschellen, die ihm die Arme auf den Rücken fesseln. Er ist über ein Geländer gebeugt und nichts davon sieht menschenwürdig aus. Ich gehe an den Männern vorbei in Richtung meiner Wohnung. Auf der nächsten Kreuzung sind viele Menschen zu erkennen, davor eine Hundertschaft, die sich bereit hält. Ich frage den ersten von ihnen, ob ich zu meiner Straße durchgehen kann oder es Probleme geben könnte. „Nein, nein. Gehen sie einfach blickig durch, hier ist alles friedlich.“ antwortet der Polizist und ich mache mich auf den Weg am Rand der demonstrierende Masse entlang. Aus den Lautsprechern dröhnt etwas über die Ausschreitungen am früheren Abend, Polizeigewalt und G20, na klar.

Die Stimmung schlägt um.

Ich gehe an Bars und Restaurants vorbei die Straße runter. Rechts von mir fahren plötzlich Wasserwerfer auf. Nach kurzer Ankündigung wird die Straße von Demonstranten frei gewässert. Aus den Seitenstraßen strömen Hundertschaften, lassen niemanden mehr passieren. Die Stimmung schlägt um, Menschen, die eben noch entspannt vor Bars standen oder demonstriert haben, wirken angespannt. So wie ich, während ich mir weiter versuche, meinen Weg nach Hause zu bahnen.

Wenige Meter weiter muss ich mein Vorhaben aufgeben, eine Kette Polizisten riegelt das Schulterblatt ab, schickt uns dahin zurück, von wo wir schon wissen, dass wir nicht mehr dorthin zurück kommen. Ich ziehe mich in einen Hauseingang zurück, um abzuwarten, bis alles vorbei ist und dann meinen Weg in Latschen fortzusetzen. Neben mir stehen andere, bieten mir einen Schluck Bier an, reden und sind etwas mehr als ich guter Dinge, dass wir gleich unseren Weg fortsetzen können.

RAUS! RAUS! RAUS HIER!

„RAUS! RAUS! RAUS HIER!“ schreien uns mehrere Polizisten an und ziehen uns aus dem Hauseingang, Schubsen uns vorwärts. Ich ziehe das Handy und filme das Vorgehen gegen die Demonstranten auf der Straße und bleibe fassungslos stehen. Auf dem Video höre ich mich später laut vor Schmerz aufschreien. Ein stechender Schmerz aus dem Nichts am Gesäß und ich drehe mich um, um einzuordnen, wo er herkommt. Steine? Flaschen? Hinter mir steht ein Polizist, Schlagstock im Anschlag. Nimmt ihn vor die Brust und schiebt mich weiter vorwärts.

Geschockt und ängstlich von der Erkenntnis, dass ich gerade grundlos mit einem Schlagstock verletzt wurde, laufe ich weiter, komme nicht weiter und schreie den Mann an, dass ich nicht weiter gehen kann und er aufhören soll, mich nach vorn zu stoßen. Er ist in seiner Uniform zwei Köpfe größer als ich und völlig unbeirrt. In jede Richtung, in die ich schnell blicke, sind nur noch Polizisten zu sehen. Kessel zu. So schnell kann es gehen.

Lautes Klirren und Knallen erfüllt die Luft, dann fliegen die ersten Glassplitter an mir vorbei. Gut, dass der Polizist mit dem Schlagstock in meinem Rücken so groß ist, denke ich mir als ich mich klein mache. Eng an eng stehen wir alle zusammen, werden weiter getrieben und versuchen dem Impuls der Flucht zu widerstehen. Wohin sollen wir auch flüchten?

Die Stimmen werden lauter, die Ellbogen versuchen sich ihren Weg zu bahnen. Journalisten halten Kameras hoch, Scheinwerferlicht strahlt mir ins Gesicht. Menschen reden auf die Polizisten ein, einen Weg frei zu geben, einige versuchen Ruhe zu bewahren und zu verbreiten. Ich stolpere über ein Fahrrad, wäre gern gelassener, aber Angst schnürt mir die Kehle zu und ich reiße die Arme hoch. Die Polizei gibt einen schmalen Durchgang frei und ich renne mit den anderen weg.

Tränen laufen mir die Wange herunter und ich bemühe mich um Fassung.

Weit weg von den Polizisten will ich vor allem sein, über deren brutales Vorgehen ich geschockt bin. Tränen laufen mir die Wange herunter und ich bemühe mich um Fassung. Ich laufe in eine Seitenstraßen, weil alle anderen Wege von eben jener Polizei abgeschnitten sind, die gerade den Knüppel gegen mich erhoben hat, und stehe vielen, vielen, vielen Menschen gegenüber. Schwarz vermummt bis unter die Augen, haben sie Steine in der einen und Flaschen in der anderen Hand, stehen wartend, fast gelassen und sehen mich an. Treten beiseite und lassen mich kommentarlos in meiner heulenden Scham passieren.

Hinter mir sind wieder Schreie zu hören, Flaschenklirren und mich erfasst Panik, gleich eines von beidem oder den Wasserwerfer im Nacken zu haben. Nur wo lang ich noch laufen soll, weiß ich nicht. Allein stolpere ich weiter und rufe eine Freundin an, von der ich hoffe, dass sie wach ist und Internet hat. Ist sie und Tränen unterdrückend bitte ich sie um Hilfe. Gehe immer weiter in eine Richtung von der ich hoffe, weder Polizei noch Autonomen zu begegnen.

Das ist gar kein Problem

Mit ihr am Telefon fühle ich mich ein Stück sicherer, nicht mehr ganz so allein. Gemeinsam sehen wir um jede Straßenecke und halten meine Angst aus, wenn mich wieder eine Hundertschaft in eine andere Richtung schickt als ich vorhatte zu gehen. Kurz bevor ich Zuhause bin, was am Neuen Pferdemarkt ist, einem der Brennpunkte der nächsten Tage und dieser Nacht, frage ich mit ihr am Ohr noch einmal bei Polizisten nach, ob ich dort überhaupt lang komme. „Ja.“ sagt der eine, „Nein.“ der andere. Ich muss fast lachen und erkundige mich nach einer gemeinsamen Antwort. „Naja, sie kommen hier überall lang. Das ist gar kein Problem.“ Aha.

Als ich weitergehe, sehe ich einige Hundert Meter vor mir eine Hundertschaft in Richtung meiner Straße laufen und laufe mit. Parallel zu ihnen durch die Nebenstraße, in der Hoffnung vor ihnen dort anzukommen und endlich nach Hause gehen zu können. Egal wie viel Verdacht es schöpfen könnte, dass ich sprinte, siegt der Wille nach Ruhe und Schutz, statt noch einmal in den Kessel zu kommen. Darauf vertrauen, dass es dieses Mal anders ausgeht? Danke, nein, möchte ich nicht ausprobieren. Als ich vor meiner Haustür ankomme, bin ich völlig außer Atem, mein Adrenalin-Spiegel fällt ab und ich traurig und erschöpft auf die Knie.

Mit einem Vodka in der Hand und dem Handy am Ohr sehe ich mir wenige Minuten später zusammen mit ihr im Livestream die Bilder in der Schanze an und bin fassungslos über das, was dort vor meiner Tür jetzt gerade in diesem Augenblick passiert. Am nächsten Tag wird bei Spiegel Online geschrieben stehen, dass die Polizei überfordert, Menschen panisch gewirkt haben. Ja, das kann ich bestätigen. Ich war einer von ihnen.

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