Hört bitte auf, eure große Liebe zu glorifizieren

Maria Anna Schwarzberg

Maria Anna Schwarzberg schrieb von Oktober 2015 bis Januar 2017 als Autorin und Redakteurin für ein digitales Stadtmagazin, für das sie emotionale Prosa, Reisen und Food auf die Monitore der Stadt pinnte. Dieser Artikel ist zuerst auf „Mit Vergnügen Hamburg“ erschienen.


Die Party war eigentlich schon vorbei, die beschissenen Songs, damit auch wirklich der Letzte geht, wurden gespielt und ich ging zur Tür, wollte mich gerade auf den Weg nach Hause machen. Ich hatte dich den ganzen Abend nicht gesehen, eigentlich hatte ich dich noch nie gesehen, obwohl wir doch beide in dieser kleinen Stadt wohnten, in der jeder jeden oder jemanden zumindest über jemanden kennt. Aber jetzt standest du vor mir, sprachst mit irgendwem und blicktest mich an. Ich blieb stehen und sah in deine fast eisblauen Augen mit den kleinen grünen Sprenkeln, durch sie hindurch und einfach nur dich – und war verliebt.

War das kitschig, abgedroschen, fast wäre Disney-Musik gespielt und Tauben fliegen gelassen worden. Ich glaubte ja selbst nicht an Liebe, schon gar nicht an die auf den ersten Blick. Liebe wurde es auch erst viel später. Als ich dich wieder sah mit deiner schönen, blonden Freundin im Arm. Später dann auf Partys ohne sie, bei nächtlichen Spaziergängen durch die Stadt, in den dunklen Bars der Stadt und irgendwann nach dem ersten Kuss. Weißt du noch? Es war auf diesem Pick-Up gleich neben der Kirche.

Dich für mich zu entscheiden, fiel dir erst schwer und dann ließt du mich gar nicht mehr los. Ich hielt dich, du mich, wir uns. Eltern kennen lernen, neue Freundschaften aufbauen, zu Mathe zu spät kommen, weil noch geknutscht, viel zu oft zu lang wach, auf das Schuldach klettern, ins Freibad einbrechen, die ganze Stadt mit Erinnerungen von uns füllen, erster Urlaub, „Hey guck’ mal, da sind doch Tim und Franka.“ Streit, Schweigen, Sex, große Liebe und immer wieder von vorn. Man, wir waren großartig.

„Hey, hast du schon gehört, Franka und Tim haben sich getrennt.“

Menschen reden um mich herum, ich sehe, wie sich ihre Münder und Arme und Gesichter bewegen, manche blicken mich direkt an, aber eigentlich höre ich sie alle nicht. Wie ein diffuses Rauschen ziehen ihre Stimmen durch meinen Kopf und hinterlassen doch keine Spur, bringen keinen neuen Gedanken hervor. Alles perlt ab. Wie an Granit. Ich fühle mich auch wie Granit: Kalt und hart, ich atme auch nicht und ich esse nicht. Eigentlich bewege ich mich nicht mal mehr, fühle nicht mal mehr.

Nur mein Herz, das rast, explodiert und implodiert zugleich, hämmert gegen meinen Brustkorb, verkrampft, finden keinen richtigen Rhytmus, stolpert. „Ist und Soll. Ist und Soll. Ist und Soll.“ schlägt es irgendwann im immer gleichen, viel zu schnellen Takt und weiß genau, es muss nur so lang warten, bis das Gehirn „Es war einmal“ und „Jetzt“ wieder abgeglichen hat. „Weißt du, irgendwann wird das überstanden sein, irgendwann ist es einfach vorbei“, sagen sie. Nein, wird es nicht und danke, fickt euch.

„Hi, wie geht es dir?“

Tippst mir auf die Schulter, ziehst mich zur Seite. „Was machst du hier?“, frage ich zögernd. „Ich äh, ich bin mit Mira hier, wollte mal gucken, was hier so geht.“, antwortest du. Ich gehe weiter, an der Bar vorbei, an tanzenden Freunden, nach draußen, nach Haus. In der ganzen Stadt sehe ich unsere Orte, wie in einem Museum aus Erinnerungen gehe ich an unseren gerahmten Erlebnissen vorbei. Kein Platz, den wir nicht kennen, keine Straße, die wir nicht genommen hätten, keine Ecke mehr frei, die mich nicht an dich erinnert.

Ich muss raus, ich muss weg hier und die Zusage fürs Studium in Hamburg ist im Briefkasten. Also packe ich meine Sachen und ziehe zu Jana in die Ein-Zimmer-Wohnung. Gemeinsam finden wir unsere erste WG, den Weg in die schäbigsten Clubs der Stadt und heraus, dass es dieses Studium nicht ist. An meiner Seite hängt ein Trostpflaster, von dem ich nur eins weiß: Selbst wenn man es abzieht, wird es nicht weh tun. „Wollen wir nicht zusammen Glühwein trinken?“, fragst du. Du bist zu Besuch in der Stadt, meiner Stadt und holst mich Zuhause ab. Als du die neu gerahmten Fotos neben meinem Bett siehst, musst du schlucken.

„Ich habe von Tim geträumt.“

Ich liege auf Janas Sofa und habe mindestens 3,5 Gläser zu viel getrunken, als es aus mir raus platzt: „Ich habe von Tim geträumt.“ Sie mustert mich, nippt noch einmal an ihrem Glas und sieht mich mit zweifelndem Blick an. „Franka, das ist Jahre her, warum hast du von ihm geträumt? Hast du ihn etwa gesehen?“, fragt sie. „Nein, nein. Das ist es ja. Ich sehe ihn nie, wir sehen uns nie. Es ist, als würde das Universum immer 350 Kilometer zwischen uns lassen, damit wir nicht wie ein lang gedehntes Gummiband aufeinander zu schießen.“, sage ich und muss vor lauter Verzweiflung nicht einmal mehr über meine zusammengesuchte Metapher lachen. „Fünf Jahre, fünf verfickte Jahre ist es her und er ist immer noch in meinem Kopf. Das kann doch einfach gar nicht sein.“

„Du glorifizierst halt. Du siehst nur noch das Gute, das ihr einmal hattet, projizierst alle positiven Eigenschaften auf ihn und lässt ihn wie in so einer leuchtenden Kugel über den Dingen schweben. So weit oben, dass nie wieder jemand ran kommt.“, antwortet Jana. „Ja, er war ja auch meine große Liebe.“, sage ich trotzig in mein Glas hinein. „Und jetzt willst du den Rest deines Lebens damit verbringen, dieser einen Beziehung nachzuhängen? Du musst irgendwann loslassen, ihn aus deinem Kopf gehen lassen, damit du dich neu verlieben kannst. Nicht nur neu verlieben, ich meine, wirklich jemanden die Chance geben, dass du ihn lieben könntest.“, sagt sie.

„Ja, und wie bitte mache ich das?“

Ich tippe diese Zeilen an meinem Schreibtisch mit einem Tee neben mir. Wenn ich aus dem Fenster schaue, blicke ich auf die Elbe – fuck an so eine Aussicht habe ich wirklich nie geglaubt, wenn ich mich umdrehe, sehe ich unsere Wohnung. Klein und muckelig ist sie, gleich unter dem Dach mit dem Markt vor der Haustür. Deine Sachen liegen verstreut neben dem Bett – wie immer, dein Helm gleich neben der Tür. Viel zu viele Bilderrahmen hängen an den Wänden, viel zu viel haben wir ja auch schon erlebt. So viele Reisen, so schöne Freunde, so große Erlebnisse. Unser Leben als Galerie, an der ich jeden Tag vorbeigehe, sie jeden Tag anschaue und mich erinnere, wie hell dieses Leben strahlt und dass es ein anderes überdecken muss.

Denn das ist am Ende der einzige Weg, eine große Liebe hinter sich zu lassen: Wir müssen neue Erinnerungen schaffen, neue Erlebnisse und neue Orte, die so stark und mächtig sind, so schön und einprägsam, dass sie die alten überdecken. Blicke ich heute zurück, holt mich kein überwältigender Schmerz ein, keine Trauer zwingt mich mehr in die Knie und lässt mich einreißen, was ich mühsam und neu aufgebaut habe. Wie in einem Schwarzweißfilm sehe ich ein altes Leben, in einer anderen Stadt, mit anderen Freunden an meiner Seite und einem anderen Mädchen in der Hauptrolle – eines, das es so heute nicht mehr gibt. Es sticht kurz und dann schalte ich um auf den Farbfilm, der gerade in diesem Moment läuft.

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