Ich bin das Himmelfahrtskommando

Ich bin das Himmelfahrtskommando.

Weil es am Ende kein Gut und Böse, kein Schwarz oder Weiß gibt. Weil sich alles schließt, wie ein verdammter Kreis, aus dem wir so sehr fliehen zu versuchen und am Ende nur ankommen wollen.


„Ich bin nicht wütend, ich bin enttäuscht.“

Ich nippe an meinem Wein, ziehe noch einmal mehr kräftig an der längst überflüssigen Zigarette. Mit dem Rauchen will ich eigentlich seit Monaten aufhören und bin nach drei Versuchen wieder einmal mehr gescheitert. Mit dem Scheitern kenne ich mich aus und mit dem Enttäuschen auch. Ist ja auch ein Satz, den ich seit Kindertagen kenne: „Ich bin nicht wütend, ich bin enttäuscht.“

Menschen zu enttäuschen, ist mein Pflichtprogramm. Wenn ich nicht sie enttäusche, sie in Schuld und Schande auf mich blicken lasse, dann übernehme ich das einfach selbst. Dann muss ich auch nicht die hässlichen Monster hinter der Fassade ansehen, nicht am Abgrund wanken und mit den Dämonen abklatschen. Dann kann ich mich ganz dem Gefühl von Reue und nicht genug sein, von Erwartungen entsprochen und doch nur mit mangelhaft bestanden hingeben.

Ein Gefühl, das ich kenne, mit dem ich über die Jahre gelernt habe umzugehen. Und dann stand da ein Mensch, der, dem ich nicht entsprochen habe. Der mir trotz härtester Wahrheit, eigener Aburteilung und erwarteter Ablehnung widersprochen hat und immer noch an meiner Seite stand, naja, zumindest mir gegenüber saß. Und das Gefühl von Reue und Schmerz bekam eine ganz neue Bedeutung. Weil ich jetzt nicht mehr den der anderen, sondern nur noch meinem eigenem entgegen blickte.

Immer noch unbekannt.

Präsent wie eigentlich immer, nur dass ich nicht hinsah, fügten sich Wörter, Ereignisse, Handlungen und Erlebnisse zusammen wie bei einem Kreuzworträtsel. Lösungswort: immer noch unbekannt. Auf der Suche nach mir, der Liebe und all dem da rum bin ich zwar nicht angekommen, den Monstern aber wieder ein Stück näher gerückt. Scheute ich sie früher noch wie die Dunkelheit, sitze ich heute mit dem Wein neben ihnen und traue mich immer ein Stück näher an sie heran.

Fast entspannt sitzen wir hier und prosten der Vergangenheit zu, für die wir zwar Verantwortung tragen, aber sie vor lauter Weitsicht fast übersehen hätten. Dass sie eben doch zählt, dass sie nicht nur ein schlechtes Plädoyer vor Gericht ist, das vor Strafe schützt. Dieser will ich mich gar nicht entziehen, verstehen würde ich sie aber trotzdem gern, bevor das Volk sein Urteil fällt. Das, dessen Leichen in Kellern vergraben liegen, damit der Fingerzeig auf andere noch einmal leichter fällt.

Wer zu reden hat, Gärten und Kinder zu pflegen, zumindest aber das eigene Image, muss immerhin nicht in seinen eigenen Gräben tiefer und einmal mehr mir aller Kraft beim Wegsehen graben, um an all den Dreck zu kommen. Der wird aber auch nicht die Rohdiamten in all dem Unrat finden, an denen es sich vielleicht zu arbeiten und sich die Zähne auszubeißen lohnt. Am Anfang sieht alles aus wie ein riesiger Haufen Müll, vor dem man sitzt, in dem sich nichts erklärt und mehr Fragen als Antworten liegen.

Zuprosten und Ansehen ist ein adäquater erster Schritt.

Doch irgendwie, habe ich festgestellt, liegt da auch ein wenig mehr. Ich selbst. Und die Leichen, die ich hinterließ. Freundschaften, Bekanntschaften, Beziehungen, denen ich abschwor, bevor sie überhaupt begannen. Weil der Schmerz und der Verlust, den wir uns zufügen, immer noch erträglicher ist, als der, den uns ein anderer zufügt. Also nippe ich noch einmal mehr an meinem Wein und lehne und sehne mich an meine Monster.

Begrüßen soll man sie, ihnen danken, dass sie da sind. Doch soweit bin ich noch lange nicht. Zuprosten und Ansehen ist ein adäquater erster Schritt. Und für den Anfang gehen wir einfach rückwärts, um irgendwann mal eine Schritt vor den anderen nach vorn zu setzen. Das ist wie in der ganzen spirituellen Medizin: Der Körper nur ein Symptom, die Hülle der Seele, und so lange die schmerzt, reagiert auch alles andere.

Ich setze einen Schritt zurück und blicke auf den erfülltesten und glücklichsten Tag meines Lebens. Der, an dem ich keine Zweifel hatte, keine Reue, keine Gedanken. Der, an dem ich bequem und normal in all das gepasst habe, in das man eben zu passen hat. Und es hat mir dort gefallen, so sehr, dass ich wünschte, jeden Tag dort zu verbringen. Nicht die mit den Schatten unter den Augen und den traurigen Anekdoten zu sein, nur einmal den Ort von Rast und Ruhe zu finden, an dem so viele andere angekommen zu sein scheinen.

Einen Schritt weiter zieht sich mein Herz zusammen und der Atem stagniert. Mein Kehlkopf mehrt seine Fülle und wächst im Aggregatzustand wie Wasser bei 4 Grad. Wie ein fester Kloß nimmt er den Raum in meinem Hals ein und löst unwiederbringlich die körperlichen Folgen aus: Flacher Atem, schweres Schlucken, gefüllte Tränenkanäle, die nur bis zu einem bestimmten Punkt zurückgehalten werden können. Dann bricht das müde Fleisch und lässt nur noch zu.

Die wir so verurteilen.

Zu was war und ist und immer sein wird, was nicht vergeht, aber hoffentlich, irgendwann, bald einmal, dann, wann angesehen und ertragen werden kann. Wenn wir wüssten, welche Narben wir an anderen hinterlassen können, würden wir uns wohl alle keinen Zentimeter mehr vor und zurück bewegen. Vielleicht ist das auch der Grund für so viel Rausch. In gesellschaftlich anerkannten Kreisen in Form von Schokolade, Sport, Alkohol, leichtem Exzess und den gut verdeckten Affären, passiv-agressiven Wünschen, aber bitte ja, mein Schatz. In denen, auf die wir herabblicken, gekennzeichnet von Drogen, Verletzungen und ganz offener Agressivität. Die wir so verurteilen.

Dabei wollen wir doch am Ende alle glücklich sein, dem Zustand, der nicht einzufangen ist, zuschwören. Dabei ist das mit dem Glück so wie mit all den feinen und minder schönen Dingen im Leben: Sie sind wie Wellen. Alles Gute komme und geht. Und alles Schlechte auch. Während wir damit beschäftigt sind, die guten Dinge festzuhalten, wo sie doch schon längst vorbei ziehen, die schlechten Dinge wegzustoßen, wo sie längst über uns hereinbrechen, vergessen wir im Kampf das Leben, das einfach immer weiter zieht.

Und wundern uns am Ende, wo es doch nur geblieben ist. Bereuen die Chancen, die wir ausließen, unausgesprochene Worte, die, die wir unbedacht sagten und die, die wir rückblickend gar nicht mehr so meinen, weil wir all dem in unserem Kopf, all den Gedanken nicht zu sehr trauen sollten. Weil auch die wie Wellen vorbeiziehen und sich wandeln. Doch wenn wir nicht einmal mehr dem eigenen Kopf trauen können, wem dann?

„Maria, 5 Jahre.“

Den Spuren, die wir hinterließen und die auf uns abgefärbt haben? Ich stehe auf diesem Rasen, vor mir ein Zettel. „Maria, 10, Jahre.“ steht darauf und ich immer noch inmitten meines Zeitstrahls, der längst vergangen ist, aus dem auch leider nicht wie bei Marty McFly ein neuer, ansehnlicherer und erträglicherer wächst. Also nehme ich einen weiteren tiefen Atemzug und tauche in die Welt ein, die ich zurück gelassen glaubte. Es ist eine, in der ich nicht passte, aneckte, ohne Grund und mit noch so viel Rückzug Angriffsfläche bietete und mich dieser annahm als wäre sie das Urteil der Welt.

Noch einen Schritt weiter nähere ich mich mit leerem Tränenkanal und rotzevoller Nase haltlos zitternd einem weitern Baustein meines Lebens. „Maria, 5 Jahre.“ steht auf ihm und ich sehe vor mir, was Symbolbild all dessen ist, wonach ich heute noch suche. Ich stehe an einem Fenster und zähle Autos. Und ich weiß, dass du nicht da bist. Und ich zähle immer zehn Autos und zehn mal mehr, bis eines dabei ist, das deines ist. Stunden um Stunden vergehen und vielleicht erklärt diese Zähltaktik auch meine späteren mathematischen Kenntnisse. Und wenn dann deines dabei ist, dann laufe ich zurück in mein Bett. Und wenn du von den wichtigeren Menschen und Dingen des Lebens zu mir Heim kommst, dann schlafe ich.

Ich nehme einen tiefen Atemzug und steige aus meiner Geschichte aus. Das ist das einzig Gute an der Realität und all dem, was dazwischen liegt, das wir einfach hin und wieder, dann und wann aussteigen und die ganze Scheiße von außen ansehen können. Von hier aus betrachtet, wirkt das nicht mehr so erschlagend und angsteinflößend, kann ich, wenn ich die ganze Grasschneise ansehe, viel klarer im Kontext denken. Und doch nur die Hände vor den Augen verschließen. Du armes Kind, du einsames Kind hättest nichts mehr als Liebe gebraucht, die, von der immer genug da ist, und wir alle immer zu wenig geben.

Doch was ist schon Heute, Hier und Jetzt?

Mit diesem Wissen und all den Bildern und Gefühlen laufe ich den Weg zurück zu mir, zu mir im Heute, Hier und Jetzt. Doch was ist schon Heute, Hier und Jetzt? Gibt es überhaupt ein in dieser Sekunde, punktgenau, yeay, sie leben in der Gegenwart? Oder sind wir nicht immer die Vergangenheit und Zukunft in einem? Weil einfach alles schon längst da ist und wir nur viel genauer hinten sollten? Verstehen sollten? Weil wir dann unsere eigenen Schritte auch viel besser ergründen könnten?

Meinen Krieg führe ich gerade mit mir, mit dir und dir. Und dann gibt es da Nebenkriegsschauplätze. Die, die ich früher unbedacht eröffnete, mich hineinstürzte und alles andere vergessen ließ. Die, die Welt bedeuteten und am Ende eigentlich nichts, außer dass ich nicht genauer hinsehen wollte. Es gibt sie auch heute noch, nur weiß ich um sie.

Deshalb kann ich dich ansehen, mich dir nähern und so viel von mir Preis geben, wie ich gerade für gut halte, vielleicht auch mal eine Zehenspitze darüber setzen. Kann mich anschmiegen und dann wieder weglaufen. Ich bin ja auch sehr ehrlich dabei. Deshalb kann ich mit deinem Feuer spielen, ohne Gefahr zu laufen, mir daran die Finger zu verbrennen. Deshalb kann ich ganz und gar zu Staub zerfallen und alle Partikel zu Splittern zusammensetzen, die ich mir dann doch wieder aus dem eigenen Fleisch ziehe und dabei betrachte.

Aber ich, ich weiß, wo ich stehe und wer ich bin. Wenn auch nicht ganz genau, zumindest in Ahnungen. Und einmal um die Muster gewusst, verabschiedet sich auch die Scheu, die Scham und all die Mauern. War ich einst hinter Wänden gefangen, spaziere ich jetzt neben den Dämonen her. Ich ecke an und ich passe nicht bequem in jede Normalität, von der am Ende auch niemand weiß, ob sie denn jetzt wirklich der Norm entspricht. Ich lebe, verletze, werde verletzt.

Und frage mich, welche Narben ich damit hinterlasse.

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