Jeden Tag will ich, dass ich dich loslassen will.

Maria Anna Schwarzberg Autorin Liebe Texte

Loslassen ist die Bitch, die dir immer wieder die Hand reicht und sie dann doch ausschlägt, weil sie es sich, zickig wie sie ist, doch noch mal anders überlegt hat. Schön. Ist das nicht.


Ich vermisse dich. Immer noch und immer wieder. Du bist das Erste, woran ich am Morgen denke, wenn ich aus dem Schlaf schrecke, der ruhiger geworden ist. Du beherrscht sie nicht mehr, meine Träume, aber das Gefühl, dass tu es tust, ist immer noch da und lässt mich unsanft erwachen. Als würde etwas neben mir fehlen, als hätte mein Gehirn immer noch nicht verarbeitet, dass du dort nie wieder neben mir liegen wirst, fährt es viel zu schnell hoch, so dass auch das Herz ins Stolpern gerät. Als könnte heute der Tag sein, an dem sich alles ändert, schlägt es schnell im immer gleichen Takt aus Ist und Soll und stellt einmal mehr fest, dass die beiden sich immer noch nicht die Hand reichen können.

Kurzer Schreck, nicht ganz wach, taste ich nach dem Handy. Immer noch das gleiche Spiel: Keine Nachricht – aber auf die warte ich auch nicht mehr – und du online gewesen. Also lebst du noch. Zu welcher Zeit, in welchem Leben? Ein bisschen was zeigt mir Facebook. Kommentare hier, ein paar kluge Sharings für das berufliche Ansehen, dort eine Erinnerung geteilt, hier mal ein paar Likes verteilt. Was du wirklich machst? Keine Ahnung. Wer an deiner Seite liegt? Ich will es nicht wissen. Liegt da jemand an deiner Seite? Nein, dann würdest du doch nicht… Würdest du?

Im Badezimmer schüttle ich dich ab. Du kannst wirklich nicht mitkommen, weil die Sonne scheint, weil ich mich wirklich aufraffe, weil ich mein Leben mag und das auch wirklich gern mal wieder nach außen zeigen würde. Doch ständig schleichst du dich an meine Gedanken heran, bist gewollt ungewollt doch gar nicht so richtig, aber immer mal wieder Thema in vielen, ach naja, eigentlich allen Gesprächen. Bist du nicht in meinem Kopf, purzelst du aus meinem Mund. Ganz beiläufig, geläufig muss ich lächeln und mich dann doch immer wieder ermahnen, dass das vergangen ist, dass du nicht wieder kommst, dass du dich längst verabschiedet hast, bevor es überhaupt startete.

Mit Musik auf den Ohren steigen mir Tränen in die Augen. Mein Mund wird trocken, der altbekannte Trauerkloß sitzt in meinem Hals und wartet auf seinen Auftritt. Aber ich schlucke ihn, wieder und wieder. Bis ich wieder atmen und klar blicken kann. Dann erzähle ich mir selbst die schönen Dinge vom Leben, von Sonnenstrahlen, Blumen und Tee. Von Büchern und Reisen, Abenteuern und lachenden Menschen. Jeden Tag sage ich mir, dass ich schön bin, klug, liebenswert. Und ich fühle es auch. Und ich fühle auch dich. Und dann ist es ok, dass ich hier stecke. Zwischen dir und mir und der Welt, die sich manchmal mehr wie ein Filmset als mein Leben anfühlt.

Beim Zähneputzen stehst du wieder neben mir und ich irgendwie auch. Waren es am Anfang Stunden und Tage, die nicht vergingen, sind Wochen und Monate vergangen. Ich weiß nicht wohin und noch weniger wie. Nur, dass wieder ein Tag mehr seit dir drübergelebt ist. Jeden Tag warte ich darauf, dass heute der Tag ist, an dem sich alles ändert. Der Tag, an dem ich nicht mehr über dich spreche, nicht mehr an dich denke, du mich nicht mehr berührst, so wie ich dich schon viel zu lang nicht mehr. Jeden Tag will ich, dass ich loslassen will.

Ein Gedanke zu „Jeden Tag will ich, dass ich dich loslassen will.

  1. Olli Antworten

    Wow. So schöne ergreifende und dennoch traurige Worte. Es sind seither ja schon wieder ein paar Monate vergangen und hoffe und wünsche mir, dass „der Tag“ inzwischen gekommen ist und Du zu der wichtigsten Person gefunden hast… Dir selbst!
    X.O.X.O.

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