Kurt(s)geschichte

Kurtsgeschichte Maria Anna Schwarzberg Storytelling Autorin

Eine Geschichte über Behörden, Vorurteile und das beides zusammengehört und sich bestätigt, über Illusionen und das Gefühl am völlig falschen Platz zu sein.


„Hallo, ich bin Kurt!“

Dienstagmorgen, 08:00 Uhr: Der erste Tag in der Behörde, der erste Tag an meinem ersten richtigen Arbeitsplatz. Die Vorbehalte meiner Familie und Freunde habe ich schon mit den besten Argumenten wegdiskutiert, ich spreche von einer neuen, innovativen Verwaltung und eingestaubten Vorurteilen, so habe ich nicht nur sie, sondern auch mich überzeugt.

„Hallo, ich bin Kurt!“
„Angenehm, ich heiße Maria.“
„Wann hast du Geburtstag, Maria?“
„Äh, im Mai. Ich habe am 23. Mai Geburtstag.“
„Oh wie schön, ein Zwilling! Ich bin auch Zwilling musst du wissen. Zwillinge sind Freigeister, Abenteurer und auch ungemein wechselhaft. Wir brauchen eben immer etwas Neues.“
„Und Kurt, wie lang arbeitest du hier schon in der Behörde?“
„Dieses Jahr sind es 25 Jahre. Aber in dieser Abteilung arbeite ich erst seit 22 Jahren.“

Nachdem wir die okkulte Begrüßung hinter uns gelassen haben, folge ich Kurt in sein Büro. Graue Wände, graue Möbel, ein Bild Hamburgs zu Zeiten der Pest. „Erst einmal überprüfen wird den Stempel. Das ist die wichtigste Aufgabe, musst du wissen. Stell dir nur vor, ich würde das gestrige Datum als Ausgangsdatum für heutige Briefe stempeln. Fatal!“ Kurt nimmt also den Stempel und ein graues Blatt des wiederverwertbaren Papiers. Das gestrige Datum wird gestempelt. Der Stempel wird genau angeschaut, einen Tag vorgedreht und wieder genau angeschaut. Kurt stempelt. Der Stempel wird erneut inspiziert. Zur Sicherheit stempelt Kurt noch einmal. Soweit so gut.

Frühstück

Zum Frühstück packt Kurt Erdbeerkuchen für uns beide aus. Und Haferkekse. Die, so erklärt er mir, hat ihm seine Frau Petra eingepackt. Petra sieht es nämlich gar nicht gern, wenn Kurt sich ungesund ernährt oder wenn Kurt sich ungesund bewegt. Sie mag es auch nicht, wenn er zu lang aus ist und noch weniger, wenn er mit den Kollegen ausgeht. „Wie das halt so ist, mit den Frauen.“, sagt Kurt. „Klar.“, denke ich mir und nehme schnell mein zweites Stück Torte.

„Du sag mal, Kurt, du hast doch gesagt, du bist Abenteurer.“
„Jaja, auf jeden Fall. Ich liebe Abenteuer und Reisen.“
„Oh super, welches Land hast du zuletzt bereist?“

„Also im Mai bin ich auf dem Darß gewesen und im September in Holland. Bald ist ja wieder September, da geht es wieder nach Holland und im Mai dann wieder auf den Darß.“
„Und wie viel habt ihr von Holland schon gesehen? Da müsst ihr ja ganz schön rumgekommen sein.“
„Naja, eigentlich sind wir immer an der Nordküste in dem selben Öko-Hotel, da kennen wir die Betten und können unser eigenes Bettzeug mitbringen. Da sind auch genügend Stromanschlüsse für unseren Wasserkocher und das Bügeleisen, muss man ja alles bedenken! Das mit dem Packen übe ich immer schon ein paar Tage vorher. Drei Tage vor der Abreise muss Petra alles gepackt haben, damit ich den Corsa jeden Tag be- und entladen kann.“ Ich nehme schnell den nächsten Bissen Torte. „Das Beste an Holland und dem Darß ist natürlich, dass man auch alles Essbare mitnehmen kann.“
„Au ja!“, sage ich, „Ich nehme mir auch immer Lakritz aus Amsterdam mit.“
„Ach Mädchen, das sind doch nur Touristenfallen. Nein, wir nehmen unsere Lebensmittel aus Deutschland mit. Freitags kaufen Petra und ich immer ein, also die Grundnahrungsmittel, und samstags kauft Petra die leckeren Sachen bei Dodenhof. Ich habe da nicht so viel Lust zu und berate lieber Leute beim Staubsaugerkauf. Staubsauger sind mein Hobby, musst du wissen.“

Mittag

12:20 Uhr, Dienstagmittag: eilig hetzt Kurt zur Kaffeemaschine. „Das muss ich immer dringend vor der Mittagspause schaffen, sonst habe ich später keinen Kaffee.“ Punkt 12:30 Uhr verlässt er das Büro, schließlich geht es zur täglichen Mittagsrunde in die Kantine. Ich bestelle mir eine Backkartoffel mit Räucherlachs und werde am Tisch darüber aufgeklärt, dass doch heute Currywurst-Dienstag ist. Ich Rebell!

Abendbrot

Als ich eine Stunde später zum Kopierer gehen will, lugt Kurt heimlich aus seiner Tür und checkt den Flur ab. Mich scheint er zu übersehen, als er seinen Staubwedel ausschüttelt.

„Äh, Kurt? Was machst du da?“
„Ach ja, jetzt hast du mich wohl ertappt. Ich entstaube mein Büro, das war dringend notwendig.“
„Mmh. Dafür hast du dir extra einen Staubwedel mit zur Arbeit genommen?“„Nein, nein. Den habe ich doch immer hier. Jeden Morgen räume ich mein Büro auf und wische Staub. Heute Morgen habe ich es nur deinetwegen leider nicht geschafft.“

17:00 Uhr, mir ist nach Feierabend. Kurt scheinbar auch, der sprintet nämlich gerade mit „Tschüss, bis morgen!“ an mir vorbei, um seine Bahn zu erreichen. „Auf nimmer Wiedersehen!“ denke ich mir und schlucke meine Illusionen hinunter.

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