Lebensoptimierung? Nein, Danke.

Maria Anna Schwarzberg Autorin Lebensoptimierung Persönlichkeitsentwicklung

Maria Anna Schwarzberg schrieb von Oktober 2015 bis Januar 2017 als Autorin und Redakteurin für ein digitales Stadtmagazin, für das sie emotionale Prosa, Reisen und Food auf die Monitore der Stadt pinnte. Dieser Artikel ist zuerst auf „Mit Vergnügen Hamburg“ erschienen.


„Optimiere dein Leben!“, „Mach mehr aus dir!“, „Du kannst, willst, sollst mehr!“ und „Du lebst nur einmal, nutze jeden Tag!“ schallt es aus allen Artikeln, Blogs, Visuals und Podcasts. Nimm dein Leben in die Hand, nutze es und mach das allerbeste daraus – das trotzdem nie genug sein wird. Denn du könntest deine Morgenroutine, dein Ess-, Sport- und Schlafverhalten optimieren, verbessern, ausbessern, noch mehr rausholen, damit du noch mehr erreichen kannst, noch mehr arbeiten kannst, noch mehr Freizeit hast, noch mehr Geld verdienst. Egal, um was es geht, es wird: mehr, mehr, mehr!

Mehr, mehr, mehr!

Leute, hört auf damit, das wird euch so kaputt machen. Das wird euch in einen Strudel aus „Ich muss!“ und „Fuck, dieses und jenes habe ich heute wieder nicht geschafft.“ bringen, der euch früher oder später niedersaugen wird. Eure Ziele werden höher, weiter und schneller und für eine gewisse Zeit mag das gut gehen, doch sehr bald wird es einen großen Knall geben, weil niemand diesem Zwang und diesem Pensum gewachsen ist. Und das ist gut so.

Ja, es ist gut, seine Träume zu leben und sich das Leben so zu gestalten, wie ihr es für richtig haltet. Denn ja, wir leben nur einmal und es ist ein wunderbares Leben, das wir für uns nutzen können. Wir alle sind privilegiert und können uns sehr glücklich schätzen, in dieser friedlichen Zeit in einer hochentwickelten, reichen Gesellschaft zu leben, die uns alle Möglichkeiten offen hält: Ob wir reisen, gründen, Spaß haben, bauen, investieren, feiern, abhängen oder famous werden wollen, uns steht jeder Weg offen. Aber bestreitet diesen nicht in Meilenstiefeln, die euch viel zu groß sind, in denen es zwickt und rutscht und die so viel Anstrengung brauchen, um passend getragen werden zu können.

Vor lauter Lebensoptimierung vergessen wir, was wirklich zählt.

Denn was auch stimmt: Jeder Mensch hat sein Tempo, seine innere Uhr und ein Bauchgefühl, auf das wir dringend wieder mehr hören sollten. Wenn wir uns auf unser Bauchgefühl verlassen, bereuen wir nicht, fallen wir nicht. Unser Bauchgefühl ist unser Takt, der angibt, wie viel wir schaffen können, was wir wirklich wollen – wir müssen nur lernen darauf zu hören.

Vor lauter Lebensoptimierung vergessen wir, was wirklich zählt: Nicht die Meinung, die Anerkennung anderer, sondern uns selbst zu verwirklichen, ein Leben zu führen, in dem wir uns – unabhängig gesellschaftlicher Zwänge, denn wer hat die eigentlich festgelegt und beschlossen, dass sie für alle gut und richtig sind? – wohl fühlen. Dazu gehört, seinen Träumen nachzugehen, dazu gehört aber auch, auszuspannen, Dinge zu tun, dich uns gut tun und uns nicht fordern.

Ihr müsst keine Morgen-, Arbeits-, Ess-, Sport-, Party-, Lese-, Reise- und Gute-Laune-Experten sein.

Wenn euch eine Morgenroutine hilft, nutzt sie. Euch bringt Sport runter? Cool. Ihr wollt euch für euch selbst gesund ernähren, weil ihr euch so fitter, besser, nachhaltiger fühlt? Sehr gut. Ob ihr sechs, acht oder zehn Stunden Schlaf braucht – geht nur Dingen nach, die euch wichtig sind und euch helfen und nicht denen, die von allen Seiten vorgegeben werden. Ihr müsst keine Morgen-, Arbeits-, Ess-, Sport-, Party-, Lese-, Reise- und Gute-Laune-Experten sein, es zählt nur, was euch gut tut und nicht, was andere schaffen, sich wünschen und umsetzen. Ihr zählt, eure Lebensträume, eure Fähigkeiten, eure Interessen sind wichtig – in eurem Tempo.

Wenn ihr eure Liregoals gefunden habt und euch damit jeden Tag schöner macht, kommt es trotzdem nicht darauf an, diese jeden Tag mit Perfektion umzusetzen. Lasst euch Raum und Zeit, auch mal weniger gut zu sein, faul zu sein, auszuschlafen. Her je, bitte lebt doch einfach mal wieder und füllt euer Leben nicht mit To-Do-Listen und Zwängen, die ihr euch oder andere euch aufdiktieren: Hört auf euren Bauch und macht mal wieder viel öfter nichts, außer zu lachen, zu atmen und euch Zeit zu nehmen, auf euren Bauch zu hören.

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