Nachhaltigkeit, die grüne Perfektionismusfalle

081 | Nachhaltigkeit, die grüne Perfektionismusfalle

Es ist zum Grün werden! Kaum einen Schritt in die richtige Richtung gemacht, stehen so viele neue an. Ist denn beim Thema Nachhaltigkeit nie genug?


Nachhaltigkeit, die grüne Perfektionismusfalle

Da sitze ich nun, heulend auf dem Sofa, weil der Knoten der Panik so weit hoch gerutscht ist, dass das Herz gleich mit ausgesetzt hat. Schluchzend und die Tränen nicht mehr halten könnend, versuche ich irgendwie zu schildern, was da gerade in mir vorgegangen ist, warum ich beim Anblick eines Welpen, unseres Welpen, gerade eben am liebsten weggelaufen wäre, denn naja, ich liebe ihn, alle lieben ihn, er macht die Tage besser und den Alltag anstrengender, gibt Pausen und verstärkt die eigenen Wünsche, gibt Ruhe und manchmal auch Unruhe, aber: Der bleibt halt, ne. Und der lebt! Immer noch! Wir haben es nicht ganz und gar verkackt.

Gerade beruhigt von dem kurzen Verantwortungsschock (mir war auch vorab die Verantwortung bewusst, ich habe sie nur noch nicht gefühlt), greife ich zur Beruhigung, zum Scrollen, zum einfach Ansehen und nicht Agieren zum Handy und lese nach dem dritten Post, dass man doch besser adoptieren soll als gezüchtete Hunde zu kaufen. Nur dass das ‚soll’ sich sehr nach ‚muss‘ anhört, nach ‚darf man anders nicht, nur so ist es richtig‘. Ich stimme der Rettung von Tieren generell zu, habe aber meine eigene Meinung zu dem Thema und doch trifft es mich heute, nach ein paar Nächten mit wenig Schlaf, weil mein Alltag gerade von der Blase eines 6 Kilo schweren Welpen bestimmt wird, mit Verantwortungskloß im Hals und vollgeheulten Taschentüchern neben mir, mehr als es an anderen Tagen der Fall gewesen wäre. 

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Denn: Wir haben nicht adoptiert, wir haben einen Welpen gegen Geld zu uns geholt. Einen Rassewelpen, genauer einen Labrador. Das taten wir nicht aus Unüberlegtheit oder mangelndem Wissen, sondern genau deshalb. Ich möchte nur zu gern mal ein Tier retten, aber ich habe noch nie einen Hund gehalten und traue es mir schlichtweg nicht zu, ein gerettetes Tier ohne Erfahrung zu mir zu nehmen. Die Angst, es am Ende wegen meiner Unfähigkeit zurückzubringen und ihm damit die nächste Tortour zumuten zu müssen, ist zu groß. Dazu kommt, dass ich Kinder will und viele süße, kleine Neffen und Nichten habe. Ich wollte vom Wesen einen Familienhund. Einen, bei dem ich von Klein auf an lernen kann, um dann später vielleicht einem geretteten Tier ein Zuhause geben zu können.

Vielleicht liegt es ja an mir

Und es geht auch hier und jetzt in diesem Text gar nicht um die einzelnen Entscheidungen eines jeden für oder gegen einen Welpen, einen Hund aus dem Tierschutz oder oder oder – es geht um das Gefühl. Und das nicht nur beim Hundekauf – ah, in die Falle getappt, Hunde-an-sich-nehmen, denn Kaufen impliziert Geschäft, mit Hunden macht man keine Geschäfte – es beginnt ja schon in der Drogerie, in der ich zwischen den Zahnbürsten stehe und überlege, ob die aus Holz, wenn man mal den wertvollen Rohstoff betrachtet, wirklich besser ist, ob die Holz-Bürste vielleicht naturfreundlicher, tja, aber eben nicht regional ist. Denn die Bambuszahnbürste ist dann doch um den halben Planeten geflogen, oder wie war das? Ich gehe weiter, um etwas zum Duschen zu kaufen und greife zur Biokosmetik, aber die, die ist ja auch in Plastik verpackt. Die Stückseife verträgt meine Haut aber nicht so gut, naja, vielleicht muss ich nur eine andere Sorte ausprobieren, vielleicht liegt es ja an mir. Und der Honig, Gott mit der schwingenden Moralkeule bewahre, lasst uns bloß nicht über den Honig sprechen. Spätestens beim eco-Waschmittel, dass es auch in noch besserer und noch teurer als eco-Zero gibt, möchte ich wieder die oben genannte Flucht ergreifen und kaufe mir Schokolade. Fair Trade, natürlich.

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Auf dem Markt das gleiche ungute Gefühl im Nacken: Der Spargel in meiner Hand ist saisonal, das weiß ich, aber er kommt aus den Niederlanden und ist damit nicht regional, weil extra hergebracht. Aber: Ist Spargel aus Bayern regionaler, nur weil er aus Deutschland kommt, aber bis nach Hamburg mehr Strecke zurück gelegt hat als der niederländische Spargel? Ich schleppe meine Einkaufsnetze weiter und stoße an jeder Ecke auf eingeschweißtes Bio-Gemüse, mit dem ich dann ein Stück gesünder lebe, vielleicht sogar tatsächlich Bauern etwas Gutes tue, aber am Ende den Planeten mit Plastik verpeste, dass nur zu 30 Prozent recycelt werden kann. Derweilen merke ich beim Bezahlen, dass ich, natürlich, es musste so kommen, meine Jutebeutel vergessen habe, an die ich doch eigentlich immer denken wollte. Papiertüten also. Aber wusstet ihr, dass man die fünf Mal benutzen müsste, damit sie sich im Vergleich zu Plastik rentieren?

„Ich finde, das wird man doch kurz sagen dürfen.“

Ich auch nicht, aber keine Sorge, jeder Fehler, den ich mache, jeder Fauxpas, der sich einschleicht, selbst dann, wenn ich das Gefühl habe, es dieses Mal ganz gut hinbekommen zu haben, wird mit Nachrichten, Kommentaren oder auch echten Worten im echten Leben quittiert: „Also ich finde das ja wirklich gut, was du machst, aber…“, „Hey, ich wollte dir nur sagen, das [setze beliebigen Fehler ein] ist wirklich nicht gut, weil …“, „Wie kannst du [setze beliebigen Fehler ein] tun, gerade du bist doch so aufmerksam und sensibel“ und „Ich finde, das wird man doch kurz sagen dürfen.“

Und dieses Gefühl, es am Ende doch nicht richtig zu machen, immer noch nicht genug zu machen, das macht sich mehr und mehr breit, je tiefer ich versuche, in die Materie aus Nachhaltigkeit einzusteigen, mich fair zu benehmen, vegan zu essen, natürlich immer für die Umwelt zu sein und zero zu verbrauchen. Aber bitte, können wir da mal das Tempo rausnehmen? Den Druck? Den Druck, ihr wisst schon, den wir bei Fast Fashion und unserer kapitalistischen Gesellschaft so bemängeln? 

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Denn – und an dieser Stelle, es ist mein Artikel, wird ja nach meiner Meinung gefragt – ich habe nach euren Ratschlägen und Urteilen nicht gefragt, erst recht, wenn sie sich eher nach letzterem und nicht nach ersterem anhören. Hinter jedem ungefragten Verbessern, Korrigieren und so geht noch mehr! steckt nämlich ein: So wie du es machst, ist es nicht gut genug, bist du nicht genug. Vielen Dank, dass du deinen Glaubenssatz auf mich überträgst. Ich wollte den gar nicht haben, aber bekomme ihn von allen Seiten so hier und dort, da nochmal nebenbei, serviert. Ich gebe zu, wenn ich nicht schon mittendrin wäre im Team „bessere Welt“, ich hätte auch keinen Bock auf uns immer argumentierende und das letzte Wort habende, schließlich geht es um die Erde, hallo davon haben wir nur eine, Neu-Ökös, die immer am lautesten und meisten reden müssen.

Bin ich da nicht richtig belehrt worden?

Ich möchte mich bitte, gern, danke selbst informieren, mein Tempo und mein Hippie-Grad bestimmen. Ich möchte dabei atmen und gelassen sein, mir hinterher mal denken „Oh, das hätte ich ja schon früher machen können.“ oder „Aha, das ist ja spannend.“. Ich möchte auch mal sagen: „Nö, da mache ich nicht mit. In diesem Punkt mag ich meinen Luxus.“ – und all das ohne passiv-aggressiven Zwinkersmiley. Dieser drückt nämlich stets und ständig nur eins aus: „Das ist nur meine Meinung, aber so wie du es machst, ist es hat Kacke.“ Das würde nicht nur mein Stresslevel sehr verringern, es würde tatsächlich Freude bringen. Und Freude bringt doch die langfristigsten Veränderungen, bin ich da nicht richtig belehrt worden?

Und mit Freude und Eigeninitiative, Wissen, dass ich mir auf Nachfrage hole oder selbst anlese, könnte ich, wie jeder andere, das tun, was in meinem Alltag, nach meinen Möglichkeiten machbar ist. Dann könnte ich mit gutem Beispiel voran gehen, manchmal auch nicht und würde keine 10.769 Weltverbesserungstipps an einem einzelnen Tag bekommen – ungefragt, versteht sich. Ich würde nicht jeden Tag bei jedem Schritt denken, dass ich 10 Erden verbrauche, die Menschheit hinüber ist und ich Schuld daran habe, weil ich nicht die Strohhalme habe stehen lassen, weil ich heute nicht Bio gekauft habe und Plastiktüten für die Hundekacke benutze. 

Ökö ist nicht mein neues Statussymbol

Herzlichen Glückwunsch, Öko ist nicht mein neues Statussymbol, ich mach das, weil ich das echt will. Und es können ja auch gern alle ihre Tipps zusammenlegen und dann so Bücher und Kurse rausbringen, mache ich dann bestimmt mal mit, wenn ich kurz Zeit finde. Und wenn ich nicht Schlafmangel, Welpenaufzucht, Schnupfen und PMS hätte, dann wäre dieser Text wahrscheinlich nicht entstanden, weil ich eben auch für eine bessere Welt bin – aber nicht um jeden Preis, nicht um meiner selbst, die gehetzt zwischen Spargel aus den Niederlanden und Deutschland steht und sich fragt, weil das ja eigentlich ein saisonales Produkt ist, warum es denn jetzt nicht auch regional ist und wenn ich mir doch ein Sojaschnitzel dazu brate, warum ich mich denn auch noch dafür rechtfertigen muss, dass ich dieses beknackte Fleisch ersetze, von dem ich ja nie sagte, dass es nicht schmeckte, und ah. Noch Soße? Entschuldigung, ist die vegan? 

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Holt mal Luft, meine Green Friends da draußen. Denn: Ökö ist auch nicht euer neues Statussymbol. Was früher die Markenlabels waren, es folgte der Blogger-Wahn, der der Vlogger, dann der Fitness-Wahn, ist jetzt der Nachhaltigkeitstrend, bei dem die Gefahr Fehler zu machen, es nicht richtig, vor allem nicht richtig genug zu machen, unendlich größer ist, gerade auch, weil nie genug ist. Es ist nie genug, wenn es darum geht, die Welt zu retten. Aber: Wenn jeder einen Schritt macht, manch einer auch ein paar mehr, dann sind das viele kleine, die die Welt verändern können, die sie zu einem besseren Ort machen. 

Außerdem gibt es ja bei Team Grün auch nur – entgegen früherer Trends, bei denen viele Wege zur 100K-Marke führte – eine Meinung: grün. Gerade das hält jeden dazu an, ungefragt und unüberprüft sein Halbwissen anderen vorzuwerfen, um zu zeigen, dass man ja in der Materie ist, dass man bei Team Grün ist, das man besser ist. Diese beiden Unarten haben in der grünen Trendwelle ihren Nährboden gefunden: „Es ist nie genug.“, sagt das Unterbewusstsein und meint „Ich bin nie genug.“ und „Hallo, du musst das besser machen, ich mache das nämlich schon besserer.“ sagt es und meint eigentlich nur „Ich habe so viel geleistet, ich will meine Anerkennung.“

Du bist genug. 

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